Was bedeutet eigentlich Work Life Balance? Braucht man viel Geld um glücklich zu sein? Die Antwort ist nein, trotzdem rennen wir alle der Karriere hinterher und das Jahresbruttogehalt wird zur wichtigsten Zahl im Leben. Jeden Tag verbringe ich mehr Zeit auf der Arbeit und beim Kunden als Zuhause. Doch ist das alles? Warum tut man sich das an? Ist Work Life Balance unwichtig geworden? Ich erzähle euch von meiner persönlichen Reise in der Agenturwelt und meinen Geheimrezepten für eine funktionierende Work Life Balance.

6:00
Mein Wecker klingt und mein erster Handgriff, bevor die Augen richtig auf sind, gilt meinem Handy. 14 unbeantwortete E-Mails, welche ich bereits Minuten später mit der Zahnbürste im Mund beantworte. „ok. brauchen wir asap.“ – „Lass uns das heute im Meeting besprechen.“ „Entscheidungsvorlage kommt bis 14.00 Uhr.“

10 Minuten später stehe ich unter der Dusche und gehe geistig schon die Vorstandspräsentation durch. Habe ich die Kernaussage getroffen? Welche Angriffspunkte gibt es in meiner Präsentation? Wo habe ich nicht die Erwartungen erfüllt?

7:00
Ich gebe meiner schlafenden zukünftigen noch schnell einen Abschiedskuss und sitze kurz darauf in meinem Audi A5 und fliege mit 235 Richtung Office. Über die Freisprecheinrichtung tönen die Stimmen meiner Kollegen – die erste Telefonkonferenz des Tages.

8:00
War wohl nichts mit 235, nach einer Stunde für 32km steige ich aus meinem Auto und gönne mir einen kurzen Moment der Ruhe und des Luxus- einen Filtercafe bei Woyton und ein kurzer Moment mit meinem Kindle. Nachdem ich mich kurz in die Tiefen der professionellen Teeproduktion vertieft habe geht es in die Agentur und ich stürze mich in das erste Meeting. Für die jenigen von euch, die nicht in der Kreativbranche oder Businesswelt arbeiten: Meetings sind normalerweise eine beliebte Ausrede nicht arbeiten zu müssen und Cafe trinken zu können. Nicht so in meiner Agentur. Sofort Vollgas – Sofort mit kompletter Konzentration besprechen wir die Digitalstrategie unseres Kunden. Haben wir alle Touchpoints bedacht? Braucht der Kunde die App überhaupt? „Contentmarketing!“ schreit einer von den billigen Plätzen…

10:30
Das erste Meeting des Tages ist vorbei und ich stoppe für ein kurzes Update bei unserem kaufmännischen Leiter. Oh ja – da war was. Er braucht den Quartalsforecast asap. Ich erinnere mich und fange an endlose Excel Tapeten zu beackern. *Wer denkt, dass Agentur auch immer sexy und spaßig ist der wird spätestens hier merken das dem nicht immer so ist. *

14.00
Ohne Zeit für die Mittagspause geht es direkt weiter im Tiefflug zum Kundentermin. Sitzt das Hemd? Habe ich alle Unterlagen dabei? Schnell merke ich in dem Meeting, dass sich die Ansprechpartner beim Kunden selbst uneinig sind. Hier muss ich nun messerscharf taktieren und das Gespräch in eine produktive Richtung lenken – geistige Höchstarbeit. Nach dem Meeting schicke ich die Meeting Minutes – Achtung, das ist Agenturdeutsch und bedeutet Besprechungsnotizen – in die Runde und hoffe, dass niemand daran etwas auszusetzen hat.

18:30
Ich bin wieder in der Agentur bespreche mit meinem Kollegen die Strategie für Q3 2016. Noch einmal alle Energie zusammen nehmen und 100% geben. Flipcharts abfotografieren, Powerpoints zusammenschrubben, Management Summary fertig machen.

22:30
Ich befinde mich auf dem Weg nach Hause. Hole alles aus meinem Auto raus. 230. 235. 240. Obwohl sich die Reifen mit brutaler Gewalt in den Asphalt fressen kommt mein Kopf langsam zur Ruhe während die Lichter zu den Klängen meiner Lieblingsband an mir vorbeifliegen.

Ein langer Arbeitstag liegt hinter mir.

Du dachtest hier geht es um Work Life Balance?

Der obige Tag hat natürlich etwas überspitzt dargestellt, wie es ist im Management für eine große und erfolgreiche Agentur zu arbeiten. Ob hier eine Agentur wie in meinem Fall, oder eine Unternehmensberatung steht ist eigentlich auch total egal.

Der obige Tag klingt stressig – das sind Tage wie dieser auch aber ich habe meine ganz eigenen Rituale entwickelt um dem Arbeitsstress zu entgehen und die richtige Work Life Balance zu entwickeln.

Microbreaks

Die kurzen Pausen zwischen Meetings nutze ich dafür um meinen Kopf komplett frei zu kriegen und etwas zu tun das mit Arbeit nichts gemeinsam hat. Sei es das aufbrühen eines frischen Filtercafes, das zelebrieren eines Tee Rituals oder die kurze Lektüre eines Buches, ich nehme mir regelmäßig eine Mini Auszeit von wenigen Minuten um die Akkus wieder aufzuladen und meinen Kopf frisch auf den nächsten Task vorzubereiten.

Leidenschaft

Wann schafft man es, dass sich Arbeit nicht wie Arbeit anfühlt? Wenn man Leidenschaft für seinen Beruf hat. Nur aus diesem Grund stehe ich morgens auf und gehe jeden Tag aufs neue motiviert zur Arbeit. Wenn man seinen Beruf nicht gerne macht ist die empfundene Belastung ungleich höher.

Die richtige Priorisierung

Wir leben in einer Zeit, in der zu viele Tasks in zu kurzer Zeit auf uns einprasseln. Tasks, die wir in unserer begrenzten Arbeitszeit nicht immer abarbeiten können. Um die wichtigen Dinge wirklich erledigt zu bekommen priorisiere ich immer am Anfang des Tages und versuche die wichtigsten Aufgaben bis 10 Uhr abgearbeitet haben.

Den Off Button finden – und NUTZEN

Dies ist das für mich vielleicht schwierigste Ritual, da für mich lange Zeit Arbeitszeit und Freizeit nicht ganz trennscharf war. Ich war immer für eine E-Mail am Wochenende zu haben. Ich habe gelernt, mein Handy auch mal zuhause zu lassen oder im Urlaub sogar komplett auszuschalten. Probiert es aus – die anfängliche Beklommenheit und Angst nicht erreichbar zu sein dreht sich schnell um in eine neu gewonnene Freiheit.

Und vergesst niemals etwas zu ändern sofern es erforderlich ist.

If your mondays suck, you picked the wrong job.